Angst als unsichtbarer Motor bei PDA
Warum es nicht um Trotz geht – sondern um Sicherheit
Ein ganz gewöhnlicher Morgen in der Schulwoche. Der Wecker klingelt, der Tag beginnt, die Zeit läuft. Frühstück, Zähneputzen, anziehen, Schuhe suchen – all die kleinen Dinge, die jeden Morgen irgendwie erledigt werden müssen. Dann kommt ein scheinbar einfacher Satz: „Zieh dich bitte an, wir gehen jetzt.“ Oder: „Putz dir bitte noch die Zähne.“ Und plötzlich verändert sich die Stimmung. Es folgt ein „Nein“. Weglaufen. Eine zugeschlagene Tür. Ablenken. Diskutieren. Hinauszögern. Manchmal scheinbar völlige Verweigerung. Und wir stehen da und fragen uns: Warum ist das gerade so schwer? Für uns ist es nur das Anziehen. Nur Zähneputzen. Nur Schuhe anziehen. Aber für ein Kind mit PDA kann sich hinter diesem „Nur“ jedoch etwas ganz anderes verbergen. Was das sein könnte geht der folgende Beitrag nach.
Was ist PDA eigentlich?
PDA steht für „Pathological Demand Avoidance“. Dieser Begriff wird häufig mit „pathologische Anforderungsvermeidung“ übersetzt. Gemeint ist ein ausgeprägtes Bedürfnis, Anforderungen und Erwartungen zu vermeiden oder ihnen auszuweichen – insbesondere dann, wenn sie als Einschränkung der eigenen Autonomie erlebt werden.
PDA wird häufig im Zusammenhang mit Autismus beschrieben. Gleichzeitig ist das Konzept fachlich umstritten. Es gibt einerseits die Sichtweise, dass Anforderungsvermeidung eine Reaktion von Menschen im Autismus- und ADHS-Spektrum auf Überlastung sein kann. Andererseits gibt es Befürworter, die PDA als eigenständiges Profil verstehen.
In Österreich kann PDA nicht eigenständig diagnostiziert werden. Vielmehr wird es im Rahmen eines klinisch-psychologischen Diagnostikprozesses als Kompetenzprofil betrachtet. Mithilfe von Fragebögen wird dabei geprüft, ob die beobachtbaren Verhaltens- und Reaktionsweisen mit den Merkmalen dieses Kompetenzprofils übereinstimmen und sich die Hinweise auf PDA verdichten.
Wichtig ist deshalb: PDA sollte nicht einfach mit „nicht gehorchen wollen“, „Trotz“ oder „besonders starkem Widerstand“ gleichgesetzt werden. Denn hinter dem Vermeidungsverhalten kann ein tiefes Bedürfnis nach Autonomie, Kontrolle und Sicherheit stehen. Und genau das macht PDA für Außenstehende oft so schwer zu verstehen. Eine Aufforderung, die für uns völlig alltäglich ist, kann sich für ein Kind innerlich wie ein enormer Druck anfühlen.
Was wir sehen – und was vielleicht dahinterliegt
Von außen sehen wir das Verhalten.
Wir sehen das „Nein“.
Wir sehen die Diskussion.
Wir sehen das Weglaufen.
Wir sehen ein Kind, das nicht mitmacht.
Was wir nicht automatisch sehen, ist das, was im Inneren passiert. Bei PDA kann hinter der scheinbaren Verweigerung Angst, Panik oder starke Überforderung stehen. Nicht immer sichtbar. Nicht immer logisch. Und manchmal auch für das Kind selbst kaum greifbar. Denn eine Anforderung kann sich wie ein Verlust von Kontrolle anfühlen. Und wenn Kontrolle verloren geht, kann das Gefühl von Sicherheit verloren gehen. Das Nervensystem reagiert möglicherweise mit Alarm.
Wenn „Bitte“ sich wie Druck anfühlt
Was für uns klein wirkt, kann sich innerlich ganz groß anfühlen. Ein gut gemeintes: „Bitte, kannst du das jetzt machen?“ kann im Inneren ganz anders ankommen:
„Ich muss sofort reagieren.“
„Ich habe keine Wahl.“
„Ich schaffe das vielleicht nicht.“
„Ich verliere die Kontrolle.“
„Das ist gerade viel zu anstrengend.“
Und plötzlich geht es gar nicht mehr um die Schuhe oder um die Zahnbürste. Oder darum, dass noch fünf Minuten gespielt werden sollen. Das Hörspiel zu Ende gehört werden möchte. Vielmehr geht um das Gefühl, keine Kontrolle mehr über die eigene Situation zu haben. Und manchmal reicht genau dieses Gefühl aus, damit das Nervensystem in Alarmbereitschaft gerät. Nicht, weil das Kind nicht will, sondern weil es in diesem Moment möglicherweise nicht kann.
Angst sucht Kontrolle
Denn wenn Angst oder Überforderung auftauchen, sucht unser System nach Sicherheit. Eine Möglichkeit, diese Sicherheit wiederherzustellen, kann der Versuch sein, Kontrolle zurückzugewinnen. Am Morgen kann das ganz unterschiedlich aussehen. Das Kind sagt „Nein“. Es beginnt eine Diskussion darüber, ob es nicht noch das begonnene Spiel fertigspielen oder das Hörspiel zu Ende hören kann. Es wechselt plötzlich das Thema. Es beginnt, über etwas völlig anderes zu sprechen. Es liegt einfach da und reagiert nicht. Es lässt sich scheinbar durch nichts zum Anziehen bewegen. Von außen wirkt das schnell wie Absicht. Wie Provokation oder ein Testen von Grenzen. Vielleicht ist es aber etwas anderes. Vielleicht versucht das Kind gerade auf seine Weise, mit einer Situation zurechtzukommen, die sich zu viel, zu schnell oder zu kontrollierend anfühlt.
Und dann kommt der Zeitdruck
Das Schwierige daran: Gerade in solchen Situationen haben wir Erwachsenen oft selbst kaum noch Ressourcen. Die Uhr tickt. Wir müssen zur Schule, zur Arbeit, zur Straßenbahn. Also erhöhen wir den Druck. Wir sagen Sätze wie „Jetzt aber wirklich, du kommst sonst zu spät zur Schule.“ „Wir müssen jetzt wirklich los.“, „Zieh dich endlich an.“ oder schon etwas frustriert: „Wie oft soll ich das noch sagen?“ Und damit beginnt der Teufelskreis: denn mehr Druck führt zu mehr Stress. Mehr Stress führt zu mehr Angst und einem noch stärkeren Bedürfnis nach Kontrolle. Und schließlich zu mehr Widerstand. Je dringender wir also versuchen, die Situation zu lösen, desto stärker kann sich das Kind zurückziehen, blockieren oder dagegenstellen. Und irgendwann stehen sich alle wütend und erschöpft gegenüber, nichts geht mehr und das obwohl eigentlich niemand kämpfen wollte. Schon gar nicht um ein Paar Schuhe.
Auch Übergänge können zu viel sein
Dieses Muster zeigt sich übrigens nicht nur morgens. Manchmal erleben wir es auch beim Abholen aus dem Kindergarten oder der Schule. Ein langer Vormittag liegt hinter dem Kind. Viele Eindrücke. Geräusche. Anforderungen. soziale Situationen. Übergänge. Anpassung. Vielleicht wurden den ganzen Tag über schon unzählige kleine Entscheidungen getroffen und Erwartungen erfüllt. Und dann kommen wir. Mit einem eigentlich schönen Satz: „Komm, lass uns gehen, wir fahren nach Hause.“ Doch statt Erleichterung und Freude kommt der Widerstand.
Vielleicht möchte das Kind nicht gehen, bleibt stehen. Vielleicht beginnt es zu diskutieren, es möchte vielleicht lieber etwas anderes. Vielleicht läuft es weg oder es kommt zu einem heftigen Meltdown auf offener Straße – noch bevor wir überhaupt zu Hause angekommen sind.
Auch hier kann ein Perspektivwechsel helfen. Denn „nach Hause gehen“ ist ebenfalls ein Übergang, so wie in der Früh das aus dem Haus gehen. Und ein Übergang ist wiederum eine Veränderung. Wenn die Ressourcen bereits aufgebraucht sind, kann selbst diese Veränderung zu viel sein. Was wie ein völlig unverständlicher Ausbruch wirkt, kann deshalb auch Ausdruck von Überforderung sein.
Was stattdessen helfen kann
Was können wir also tun, wenn wir merken, dass wir gerade in diesen Teufelskreis geraten? Ein erster Schritt kann ein Perspektivwechsel sein. Weg von: „Warum machst du es immer so schwer?“ hin zu: „Ich sehe, dass es gerade schwer für dich ist. Was brauchst du jetzt, damit wir weitergehen können?“ Es geht nicht darum, jede Anforderung fallen zu lassen. Sondern vielmehr darum, wie wir dem Kind eine Anforderung vermitteln. Manchmal kann es helfen, weniger direkt und weniger fordernd zu formulieren.
In der Früh statt:
„Zieh jetzt deine Schuhe an.“
vielleicht:
„Ich bin neugierig, für welche Schuhe du dich heute entscheiden wirst.“
Oder:
„Ich frage mich, ob heute die roten oder die blauen Schuhe mitkommen“ sagen.
Solche Formulierungen können dem Kind das Gefühl geben, weiterhin Einfluss auf die Situation zu haben. Auch Wahlmöglichkeiten können hilfreich sein:
„Möchtest du zuerst die Schuhe oder die Jacke?“
„Willst du dich im Wohnzimmer oder in deinem Zimmer anziehen?“
Manchmal hilft ein Spiel. Manchmal Humor. Manchmal eine kleine Aufgabe, die das Kind selbst übernehmen darf. Und manchmal hilft vor allem eines: mehr Zeit.
Die eigene Ruhe ist Teil der Lösung
Bei uns hat es sich bewährt, morgens bewusst mehr Zeit für Anforderungen wie diese einzuplanen. Nicht immer gelingt das. Aber wenn es gelingt, verändert sich etwas Entscheidendes: Wir selbst stehen weniger unter Druck. Wir können einmal tief durchatmen. Wir können einen Schritt zurücktreten. Und vielleicht sogar ein bisschen Humor in die Situation bringen. Denn unsere eigene Anspannung überträgt sich. Wenn wir selbst hektisch werden, wird es für ein ohnehin angespanntes Kind oft nicht leichter. Wenn wir hingegen Ruhe ausstrahlen, können wir einen Raum schaffen, in dem wieder etwas möglich wird. Nicht immer sofort, aber vielleicht ein kleines bisschen mehr. Vor allem aber können wir eine Botschaft vermitteln, die in solchen Momenten wichtiger sein kann als jede noch so gut formulierte Aufforderung:
„Du bist sicher.“
„Ich bin bei dir.“
„Wir schaffen das zusammen.“
Ein anderer Blick auf das „Nein“
Vielleicht geht es also nicht darum, dass dein Kind nicht kooperieren will. Sondern darum, dass es sich gerade nicht sicher genug fühlt, um kooperieren zu können. Vielleicht ist daraus folgend das „Nein“ gar keine bewusste Entscheidung gegen uns, sondern ein Versuch, sich selbst wieder ein Stück Sicherheit und Kontrolle zu verschaffen. Das bedeutet nicht, dass jedes herausfordernde Verhalten automatisch PDA ist. Und auch nicht, dass Eltern keine Grenzen setzen dürfen oder sollen. Es bedeutet vielmehr, dass wir uns fragen können: Was sehe ich gerade – und was könnte dahinterliegen?
Denn wenn wir nur das Verhalten betrachten, sehen wir Widerstand. Wenn wir auch nach dem Bedürfnis dahinter fragen, sehen wir vielleicht ein Kind, das gerade versucht, mit Überforderung, Angst oder Kontrollverlust zurechtzukommen. Ein Kopf voller Farben ist manchmal auch ein Kopf voller Sturm. Und hinter einem lauten „Nein“ kann manchmal ein ganz leises „Ich kann gerade nicht. Es ist mir zu viel.“ liegen. Und möglicherweise beginnt Veränderung genau dort, wo wir aufhören, nur gegen das Verhalten anzukämpfen und anfangen, das Kind dahinter zu sehen. Denn wenn wir verstehen, was hinter dem Verhalten liegen könnte, verändert sich nicht nur unsere Reaktion. Es verändert auch die Beziehung zueinander.



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